Erfolgreicher Heckenschütze: Der Sperber

Welche Akrobatik ist nötig, um die Lebensraumnische Hecke zu bejagen? Das kann nur er - der Sperber. In halsbrecherischer Manier schießt er um die Häuserecken, meistert in Sekundenbruchteilen jedes Hindernis, ob Wäscheleine oder Zaun. Um dann der Schar von Sperlingen in die dichte Hecke zu folgen. Mit seinen dünnen Beinen voraus packt er sich einen Frechen und fliegt gemächlich davon, um seine Beute in aller Seelenruhe auf einem Baumstumpf zu kröpfen. Und das geht so (Vorsicht: Natur!): Federn ausreißen, Kopf abbeißen, Körper auffressen, Federn liegen lassen. Fertig gekröpft (= „fressen“ bei Greifvögeln). Wer die Jagdszene des Kurzstreckensprinters einmal hautnah erlebt hat, vergisst das vermutlich nie wieder.

Selbsternannte Vogelfreunde stehen mit dem Sperber ein bisschen auf Kriegsfuß, stellt er doch hauptsächlich den possierlichen Singvögelchen nach. Das juckt den Greifvogel wenig. Unbeirrt besiedelt er schon lange unsere Wohngegenden mit den zahlreichen Gärten, wo Fink & Co. noch ausreichend Nahrung und Brutplätze finden. Besonders am Winterfutterhaus ist er ein oft gesehener Gast – natürlich wegen der anderen gefiederten Besucher.

Für einen Greifvogel ist der Sperber mit einer Spannweite von 60 bis 75 cm recht klein. Die Weibchen sind deutlich größer als der männliche Sprinz. Das ermöglicht ein breites Beutespektrum. Er schnappt sich Singvögel bis Drosselgröße, sie wagt sich auch schon mal an Tauben, in Ausnahmefällen sogar an Elstern ran. Saisonale Monogamie bedeutet auch Teamarbeit. Und wenn die beiden wieder getrennter Wege fliegen, jagt niemand dem anderen in die Quere. Zu größenunterschiedlich sind die Menüwünsche von Männlein und Weiblein.

Im Flug ist das Sperberweib übrigens leicht mit dem Kuckuck zu verwechseln. Wenn dann der echte Kuckuck durch die Gegend fliegt, machen sich die Singvögel alle schleunigst aus dem Staub. Wie das der Kuckuck wohl findet? Wie soll der denn jetzt seine Eier in fremde Nester legen, wenn sich die Piepmätze zu Hause verbarrikadieren? Ob sich die Natur was dabei gedacht hat?

A propos Flug: Im Winter steuern die Sperber aus den nordöstlichen Populationen – Skandinavier und Russen – Helgoland an, um Jagd auf Rotdrosseln und andere durchziehende Kleinvögel zu machen. Die wiederum nutzen die Hochseeinsel eigentlich als Zwischenstopp, um auf ihrer Reise in wärmere Gefilde zu Kräften zu kommen. Wer also Sperber im Sturzflug beobachten möchte, geselle sich zu den Singvögeln. Am besten bei Tagesanbruch oder in den frühen Abendstunden.

Gebrütet wird bei den Sperbern mit Vorliebe in dichten Fichtenschonungen. Dort legt das Weibchen zwischen Mai und Juli 4 bis 6 Eier ins selbstgebaute Nest. Nach etwa 33 Tagen schlüpfen die Küken. Nach weiteren 30 Tagen verlassen die jungen Wilden den Horst. Wenn sie Pech haben, geht es den kleinen Rasern dann furchtbar an den Kragen. In der Lernphase, in der die flinken Greifer das Fangen von Singvögeln üben, geschieht es häufig, dass sie in der Stadt an Fensterscheiben verunglücken. Voran der Gejagte – der Jäger prescht hinterher. Und zwar in einer solchen Hochgeschwindigkeit, dass das unnatürliche Hindernis Fensterscheibe beim Jagdflug zur Falle wird. Da liegen sie nun vor der Terrassentür, die beiden. Mit Genickbruch oder Anflugtrauma. Und so erreichen uns die Anrufe. „Bei mir liegen zwei Vögel...“ In der Stadt ist in der Regel einer von beiden ein Sperber. Er fliegt einfach zu rasant. Jetzt ist es wichtig den Patienten in Ruhe und Wärme unterzustellen. Käfige sind absolut tabu. Am besten legen Sie den Verunglückten in einen dunklen, mit Haushaltspapier ausgelegten Karton. An den Gitterstäben eines Käfigs würde sich der wilde Greifvogel das Großgefieder zerschlagen. Bitte, bitte, bitte unterlassen Sie jegliches Füttern. Auch wenn Ihr Herz beim Anblick des Pfleglings noch so erweicht. Ein Vogel mit Anflugtrauma kann weder feste Nahrung noch Flüssigkeit aufnehmen. Sollte ihm etwas eingetrichtert werden, bereitet das dem Tier mehr Schaden als Nutzen. Und denen, die sich den Fensterflug erspart haben, gönnen wir mal gnädig Gimpel und Meise – statt unsere wundervolle Schöpfung in Gut und Böse einzuteilen.

Guten Flug, Sperber!

 

Text: Christian Erdmann, Bianca Geist

Foto: Kurt Bouda / pixelio