Unerwünschte Kletterkünstler

 

Es ist zehn Uhr und die beiden Tierpflegerinnen machen die Futterrunde zu den Außengehegen in der Wildtierstation nordöstlich von Hamburg. Sie haben u.a. Rosinen, Erdnüsse und Eier der hofeigenen ehemaligen Legehennen, die hier ihr Gnadenbrot erhalten haben, im Gepäck.

 

Als sie die Tür zu einem der Gehege öffnen, ist es ruhig und die pelzigen Bewohner darin schlafen noch. Viel zu früh, überhaupt nicht ihre Zeit. Die beiden jungen Frauen verstecken das Futter an mehreren Stellen, denn die Herrschaften sollen beschäftigt werden. In freier Wildbahn liegt das Futter auch nicht fertig serviert im Napf. Durch das Arbeiten in dem dicht bewachsenen Gehege wird dann doch der erste wach und eine erste neugierige Nase, die aus der Schlafbox oben im Baum schnuppert, zeigt sich. Und dann geht es ganz schnell, nach und nach werden alle sechs wach und klettern die Äste entlang zu den beiden Tierpflegerinnen, um sich die erste Leckerei aus den Futtereimern zu stibitzen. Man könnte sie auch Naschkatzen nennen, denn sie lieben Süßes. Aber man nennt sie hierzulande Waschbären, da sie einen Teil ihres Futters in kleinen Gewässern mit den Händen ertasten, was aussieht, als würden sie waschen.

 

 

Die sechs Bären kamen als Waisenkinder in die Wildtierstation. Ihre Mutter lag überfahren am Straßenrand, eine aufmerksame Hundespaziergängerin hatte die fiependen Welpen im nahen Gebüsch entdeckt. Sie waren noch zu klein und wurden in der Wildtierstation mit der Flasche weiter aufgezogen. Mittlerweile sind sie groß, sodass sie eigentlich im nächsten Frühjahr ausgewildert werden könnten. Aber das ist verboten, streng verboten.

Waschbären haben es hierzulande nicht leicht. Denn sie zählen zu den invasiven Arten, genauso wie der amerikanische Mink, Nutria und Marderhunde, die man hierzulande nicht haben möchte. Und das obwohl Waschbären in den 1930er Jahren offiziell von Förstern ausgesetzt wurden, um die heimische Fauna zu bereichern. Der Schuss ist nach hinten losgegangen, denn die in Nordamerika heimische Kleinbärenart fühlt sich in Mitteleuropa pudelwohl und hat sich kürzester Zeit bestens etabliert. Fast flächendeckend kommen die Kletterkünstler mittlerweile bundesweit in freier Wildbahn vor. Waschbären sind Allesfresser und ernähren sich u.a. auch von Eiern heimischer Wildvögel. Dabei machen sie natürlich keinen Halt vor selten gewordenen Arten. Da unterscheiden sie sich nicht von heimischen Eichhörnchen oder Stein- und Baummardern.

 

Doch genau das wurde dem nordamerikanischen Neubürger zum Verhängnis. Um der Ausbreitung entgegenzuwirken, darf die Art, wie alle invasiven Arten, hierzulande ganzjährig gejagt werden, auch die Jungtiere. Seit 2016 gilt laut EU-Verordnung zudem, dass Waschbären ab sofort nur noch zu schulischen Zwecken gehalten werden dürfen. Auch artgerechte Privathaltungen sind seitdem verboten. So kommen auch Tierparks in Bedrängnis, denn für die Genehmigung bzgl. der Haltung dieser Tierarten gelten nun strengere Auflagen. Wildtierstationen, die in Not geratene Waschbären aus der Natur in Pflege genommen haben, bleiben von daher noch öfter auf den Tieren sitzen, da kaum noch ein Tierpark Waschbären von dort übernehmen möchte geschweige denn Waisenkinder eigenständig aufnimmt. Doch Wildtierstationen sind auf die temporäre Unterbringung von Tieren ausgelegt. Pfleglinge, die nach der Rehabilitation nicht ausgewildert werden können, benötigen eine artgerechte und langfristige Unterbringung in zoologischen Einrichtungen.

 

Im Wildtier- und Artenschutzzentrum nordöstlich von Hamburg, seit 2010 ein Kooperationspartner von VIER PFOTEN, wurde von daher ein 600 qm großes Gehege speziell für Waschbären geschaffen, in dem bis zu zehn dieser Klettermaxe dauerhaft bleiben können. Ob die Station auch 2018 wieder Waisenkinder aufnehmen kann, wird sich zeigen und ist abhängig davon, ob doch noch ein Tierpark Pfleglinge übernehmen kann, sodass wieder Kapazitäten in der Wildtierstation frei würden.